Herwig Reiter





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Zitate:

"Die Musik der Natur besteht hauptsächlich aus Geräuschen. In der menschlichen Musik aber können wir, was uns bewegt, in Tönen und Zeitproportionen ausdrücken, die im Sinne einer Sprache "verstanden" werden. Denn unser Gehirn enthält wunderbarerweise, ohne dass dies für das Überleben der Spezies Mensch je von Bedeutung gewesen wäre, angeborene Ordnungsmuster für Intervalle und Rhythmen, die sich in den verschiedenen Musikkulturen in unterschiedlicher Weise ausgeprägt haben. Wegen dieser Besonderheit unseres Erkenntnisorgans glaube ich, dass die Weiterentwicklung des Musikdenkens nach wie vor auf dem Gebiet der Töne und Zeitproportionen und weniger auf dem der Klänge und Geräusche liegt."

"Ich empfinde es als blanke Heuchelei, wenn dieselben Leute, die bei Bach oder Schubert anscheinend tief ergriffen zuhören, zeitgenössische Stücke, bei denen irgendetwas an Bach oder Schubert erinnert, aus "stilistischen" Gründen (und akademischem Wohlverhalten) ablehnen."

"Der Begriff "Neue Musik" erinnert mich irgendwie an zwanghafte Ideen, wie etwa die des Kommunismus oder die des "Übermenschen". Eine `wirklich "neue" Musik und wirklich "neue Hörgewohnheiten" gibt es natürlich ebenso wenig wie einen "neuen" Menschen. Es gibt aber an der "alten" Spezies Mensch noch so unabsehbar viel zu entdecken, zu verbessern und in Musik auszudrücken, dass uns nicht bange zu sein braucht vor dem Ende der Musik. Ich meine, dass wir im Gegenteil eher am Anfang stehen und uns eben erst kompositorische Möglichkeiten und Freiheiten wie nie zuvor erobert haben. Die besondere Aufgabe unserer Zeit sehe ich darin, diese Möglichkeiten und Freiheiten auf vielerlei Arten zu nutzen, um im Sinne der Demokratie möglichst viele Menschen für möglichst viel gute, d.h. spannende, ausdrucksvolle, lebendige und humane Musik zu gewinnen.


Herwig Reiter mit seiner Frau Elisabeth, 2002

Aus der Dankesrede zur Verleihung des Würdigungspreises der Republik Österreich für Musik 2003, gehalten am 1.6.2004 im Kongress-Saal des Bundeskanzleramts, Wien:

Mir wurde aufgetragen, nein, sagen wir, erlaubt, bei diesem heutigen festlichen Anlass auch etwas über meine Musik zu sagen. Und so habe ich einmal darüber nachgedacht, ob Musik "modern" sein muss bzw. wie "modern" sie sein muss und ob es mir ein großes Anliegen ist, dass meine Musik "modern" ist. Das wiederum hat mich auf das Problem geführt, was mir beim Komponieren wirklich ein großes Anliegen ist, also, warum ich so komponiere, wie ich komponiere. Ich habe das in 10 Punkten zusammengefasst, die ich Ihnen jetzt vorlesen möchte, nicht ohne zu betonen, dass dies alles sehr subjektiv ist und niemanden beleidigen soll, der anderer Meinung ist.

  1. Meine Musik soll dem Melodischen mehr Raum geben, als in der E-Musik derzeit üblich. Ich glaube nicht daran, dass schon alle Melodien geschrieben worden sind. Ich halte das für eine Ausrede.
  2. Meine Musik soll von einem Gegenüber ohne Analyse und Erklärung wie eine sprachliche Mitteilung verstanden werden können.
  3. Meine Musik soll zwar intelligent sein, (das möchte ja jeder Komponist) aber auch hinreichend an die Emotionen appellieren, weil beim Menschen von dort her die Antriebe zum Handeln kommen.
  4. Meine Musik soll nicht durch Klangsensationen beeindrucken, sondern die musikalische Vorstellung von Ausführenden und Hörern in nachhaltiger Weise erweitern, wobei mir scheint, dass der Gewinn, den die menschliche Vorstellungskraft aus ametrischen Rhythmen und verwirrenden Tonfolgen zieht, eher gering ist.
  5. Meine Musik soll auf Extrempositionen des Negativen verzichten und sich an meiner eigenen, subjektiven Wirklichkeit orientieren. Nichts ist für mich so interessant wie die vielen Facetten dieser "Normalität". Und nichts so uninteressant wie die ständige Beschäftigung mit Grausamkeit und Lüge. Komponiertes Chaos, Schockwirkungen durch übersteigerte Dynamik, Erstarren in Minimalaktionen usw. haben mich nie besonders angezogen. Ich denke, dass sie beim Hören eher abstumpfen als motivieren.
  6. Meine Musik soll (wenn ich's zusammenbringe) trösten, erfreuen, berühren, begeistern und zum Lachen oder Weinen bringen. Sie soll vor allem nicht verstören oder Energie rauben.
  7. Meine Musik soll friedlich sein, so weit ich selbst in der Lage bin, Frieden in mir herzustellen. Sie soll Geborgenheit ausstrahlen. (Ich bin ein Krebs.) Sie soll abbilden, wie Menschen miteinander sprechen, bzw. wie Menschen miteinander sprechen sollten.
  8. Meine Musik soll sich nicht an heutigen Stilen, Moden und Gruppenzwängen orientieren. Ich liebe den Dreiklang, auch wenn er heute eher vermieden wird. Ich liebe Form und Symmetrie. Ich liebe es, wenn ein guter musikalischer Gedanke wörtlich wiederholt wird, auch wenn Schönberg dagegen war. Und ich liebe es, wenn ein musikalischer Gedanke so lange ausgewalzt wird, wie Verstand und Empfindung brauchen, um ihm zu folgen. Kurz: Ich akzeptiere, dass ich aus meinem Wesen heraus scheinbar unzeitgemäß bin, was sich allein schon in den Titeln meiner letzten drei größeren Arbeiten zeigt: einem Chorbuch für Laien, einer Messe und einem Märchen.
  9. In meiner Musik sollen die einzelnen Stimmen und Schichten selbständig wie Personen agieren. Ich liebe eine Polyphonie, die die Gegensätze nebeneinander bestehen lässt. In meinem Cellokonzert gibt es eine Stelle, wo vier Charaktere bzw. auch Tempi gleichzeitig erklingen: Scherzando in den Holzbläsern, Lamentoso in den Blechbläsern, Pesante in Streichern und Pauken und dazu ein konzertierender Solist. Ich halte das nicht für verrückt, sondern für völlig normal: Eine solche Musik ist politisch betrachtet das Abbild einer Gesellschaft, die so frei ist, dass sie das subjektiv Andere jedes einzelnen Individuums erträgt und fördert. Eine Gesellschaft, wie sie nach meiner Überzeugung sein sollte.

Und endlich als zehnter Punkt etwas, was ich vielleicht wie ein Geheimnis hüten sollte: Meine Musik geht aus einigen wenigen melodischen und rhythmischen Grundmotiven hervor, und zwar nicht nur die einzelnen Stücke, sondern das Gesamtwerk. Ich habe beobachtet, dass mich diese wenigen Motive, von denen manche auch mein Vater verwendet hat, zutiefst ansprechen und bewegen. Sie ändern sich nicht und waren auch von meiner Kindheit an immer schon dieselben. Sie durchziehen alle meine Stücke, vermehren sich nur langsam und geben meinen Werken, ohne dass ich das beabsichtigen würde, quasi als Nebenerscheinung, konstruktiven Zusammenhalt.

Ich habe Ihnen jetzt 10 Punkte genannt, die ich als für mich charakteristisch empfinde. Jeder einzelne Punkt davon ist mir persönlich wichtiger, als bloß "modern" zu sein. Und ich könnte mir denken, dass die Zeit, in der man die Qualität einer künstlerischen Arbeit an ihrer Modernität bemessen hat, überhaupt abgelaufen ist. Das 20. Jahrhundert hat uns eine Fülle von fantastischen Musikwerken geschenkt, aber auch eine Fülle von Tabus aufgebaut. Ich warte mit Spannung darauf, wie die Zeit nach der "Moderne" komponieren wird und hoffe, dass sich das 21. Jahrhundert noch mehr Freiheit erobern, sie aber anders, nämlich menschen- und umweltfreundlicher nützen wird.

Wien, im Mai 2004

Vorwort des Komponisten zum Chorbuch

Die Idee zu diesem Chorbuch enstand aus dem Österreichischen Bundesjugendsingen 2001, für das ich die sechs Pflichtstücke komponierte. Erwin Ortner, der Leiter dieser Veranstaltung und des international hoch angesehenen Arnold Schönberg Chores, lud mich darauf hin ein, eine Sammlung von Stücken für Laienchor zu schreiben.

So entstand in den letzten Jahren dieses Chorbuch in zwei Bänden, das meines Wissens die erste derartige Unternehmung seit Zoltán Kodály und Hugo Distler ist. Kaum ein Komponist aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat in größerem Umfang für Laienchor komponiert. Die Kluft zwischen den stilistischen Anforderungen der "Neuen Musik" und den Möglichkeiten eines Laienchors war nur schwer zu überbrücken.

Seit den 80er-Jahren aber beginnt sich die zeitgenössische E-Musik zu ändern. Sie wird vielfältiger und publikumsfreundlicher. Die Grenzen zu U-Musik, Jazz und Ethno-Musik verwischen sich. Die Melodie gewinnt einen neuen Stellenwert. Berührungspunkte mit der Musik vergangener Zeiten treten hervor. Und innerhalb dieses neuen Stilgemisches, das vorderhand mit "Postmoderne", "Cross over" oder "Neue Einfachheit" nur unzureichend bezeichnet werden kann, hat die Chormusik wieder eine echte Chance. Sogar jene für Laienchor.

Denn wenn wir "Modernität" nicht mehr einseitig als Fortschrittlichkeit bezüglich Material und Struktur der Musik definieren, sondern als ein neues Lebensgefühl, das sich in allen Aspekten der Musik niederschlägt und von dem der Nachkriegszeit (aber auch von jenem der Vergnügungsindustrie) deutlich abhebt, dann ist es wieder möglich, "leichte" Musik für Chor zu schreiben, die trotzdem nicht rückwärtsgewandt ist.

Eine Musik dieser Art ist mir bei meinem Chorbuch vorgeschwebt. Als Texte habe ich bewusst keine assoziative avantgardistische Lyrik gewählt, sondern vor allem solche Gedichte des 20. Jahrhunderts, die ein spürbares Anliegen transportieren.

Ich widme dieses Chorbuch Erwin Ortner, der die österreichische Chorszene seit Jahrzehnten mit seinem Einsatz und seinen Ideen belebt, mit Dank für seine Anregung und Hilfe bei diesem Projekt.

Den Chören wünsche ich, dass sie in diesem Buch recht viele Stücke finden, die interessierten, anspruchsvollen Sängern schon beim Proben Freude bereiten, und dass die Schwierigkeiten, die manchmal bewältigt werden müssen, mehr Anreiz als Hindernis sind.

Wien, im Oktober 2005

Musikverlag Alexander Mayer - www.mvam.at

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